Interview Dr. Elke Heßdörfer, Fragen und Antworten zu Blasenschwäche, instabiler Blase, Harninkontinenz, Stressinkontinenz, Belastungsinkontinenz, Mischinkontinenz, Beckenbodengymnastik, Blasentraining

"Bei Harninkontinenz sollten Patienten den Mut haben, Ihren Arzt frühzeitig anzusprechen!“

Experteninterview mit Frau Dr. Elke Heßdörfer

 

Frau Dr. Heßdörfer, was versteht man unter Harninkontinenz?

Harninkontinenz bedeutet Urin unfreiwillig bzw. unkontrolliert zu verlieren.

 

Sind viele Menschen von Harninkontinenz betroffen?

Man schätzt, dass in Deutschland mindestens acht Millionen Menschen betroffen sind; die Dunkelziffer ist hoch, da Blasenschwäche nach wie vor ein Tabu ist.

 

Gibt es Risikogruppen?

Cirka jede dritte Frau zwischen 40 und 60 verliert vorsichtigen Schätzungen zufolge zumindest gelegentlich Urin; Schwangerschaften, Geburten, Bindegewebsschwäche, Übergewicht und mit zunehmendem Alter Hormonmangel zusammen mit der Anatomie der weiblichen Harnröhre führen dazu, dass Frauen bereits in jungen Jahren unter Inkontinenz leiden - im Gegensatz zu Männern, die erst mit zunehmendem Alter von dem Problem heimgesucht werden. Aber nicht selten können auch neurologische Erkrankungen zu Inkontinenz führen.

Warum ist Harninkontinenz immer noch so ein Tabuthema?

Es ist nach wie vor nicht schick in unserer Gesellschaft über Harninkontinenz zu reden, verbindet man Harninkontinenz doch mit Altsein und Geruch.

 

Welche wichtigen Formen der Inkontinenz gibt es?

Die häufigsten Formen der Harninkontinenz sind die Drang- und Belastungsinkontinenz; treten beide Inkontinenzformen nebeneinander auf, spricht man von einer Mischinkontinenz.

 

Was unterscheidet sie?

Bei der Dranginkontinenz kommt es zu einem Urinverlust infolge eines plötzlichen überfallartigen Harndrangs; die Blase ist schneller als der Patient; Schuld daran ist eine falsche Signalübermittlung zwischen Blase und Mittelhirn. Unter einer Belastungsinkontinenz versteht man einen Urinverlust bei körperlicher Belastung wie Husten, Lachen, Sport. Ursache ist hier eine Schwäche des Verschlussmechanismus’ der Blase beziehungsweise des Beckenbodens. Diese Form der Inkontinenz kommt besonders bei Frauen vor.

 

Wie wird eine Inkontinenz diagnostiziert?

Bei der Dranginkontinenz gilt es zunächst einmal Harnwegsinfekte, Blasentumoren, Restharnbildung oder Senkungen der Genitalorgane auszuschließen. Dies geschieht mittels Urinanalyse, körperlicher Untersuchung und meist Ultraschall. Wichtigstes und einfachstes Instrument gerade bei Drangsymptomatik ist ein so genanntes MiktionsprotokollMiktionsprotokollTagebuch, in dem nach Tag und Uhrzeit die Trinkmenge, die Toilettengänge, die Urinmenge, etwaiger Harndrang und Einnässen erfasst werden. : Patienten tragen die Toilettengänge und das jeweilige Urinvolumen über 2-3 Tage in einen Kalender ein. Manchmal sind noch weitere zusätzliche Untersuchungen für eine erfolgreiche Behandlung erforderlich. Ein Begriff der im Zusammenhang mit Inkontinenz auch häufig fällt ist die Überaktive Blase.

 

Wann spricht man davon? Ist dies dasselbe wie Inkontinenz?

‚Überaktive Blase’ ist quasi ein Oberbegriff für Blasenprobleme, die mit plötzlichem Harndrang oder zu häufigem Wasserlassen tags und/oder nachts einhergehen, ganz egal ob es dabei dann zu einer Dranginkontinenz kommt. Es ist einfach neutraler über überaktive Blase zu sprechen als das Wort Inkontinenz in den Mund zu nehmen. Die Diagnostik und Therapie der überaktiven Blase unterscheidet sich nicht von der der Dranginkontinenz.

 

Was kann der Patient selbst tun?

Der Patient kann besonders bei Drangsymptomen durch Ändern des Trinkverhaltens, Blasentraining und Erlernen von Verhaltensstrategien bzw. Haltemanövern viel selbst dazu beitragen, mit dem Problem besser fertig zu werden. Eine Verbesserung der Beckenbodenmuskulatur ist dabei sehr hilfreich, insbesondere wenn eine zusätzliche Belastungsinkontinenz vorliegt. Des Weiteren gibt es eine Anzahl von so genannten „blasendämpfenden“ Medikamenten in Tabletten- oder auch Pflasterform. Pflanzliche Medikamente gegen Harndrang sind - auch wenn die Werbung es oftmals suggeriert – wenig effektiv. Eine Gewichtsabnahme scheint nach neuesten Erkenntnissen nicht nur gegen Belastungs- sondern auch bei Dranginkontinenz hilfreich.

 

Welchen Arzt sollte der Patient bei Inkontinenzproblemen als ersten Ansprechpartner konsultieren?

In den nächsten Drogeriemarkt gehen und sich Vorlagen besorgen sollte nicht die einzige Maßnahme sein. Patienten sollten den Mut haben, bereits frühzeitig ihren Hausarzt anzusprechen oder zum Urologen oder Gynäkologen zu gehen.

 

Wie sollte sich der Patient auf das erste Arztgespräch vorbereiten?

Vor einem Arztbesuch sollten sich Patienten einige Gedanken zu ihrem Blasenproblem gemacht haben: wie oft gehen sie tags, wie oft nachts zur Toilette, wann genau verlieren sie Urin, wie viel Urin verlieren sie, welche Art von Vorlagen und wie viele pro Tag verwenden sie; sehr hilfreich ist es, wenn die Patienten schon einmal im Vorfeld ein MiktionsprotokollMiktionsprotokollTagebuch, in dem nach Tag und Uhrzeit die Trinkmenge, die Toilettengänge, die Urinmenge, etwaiger Harndrang und Einnässen erfasst werden.  führen.

Die Expertin

Frau Dr. Elke Heßdörfer ist Fachärztin für Urologie und Expertin für Harninkontinenz, Blasenentleerungsstörungen und Urodynamik. Sie betreibt in Berlin eine Praxis mit diesen Schwerpunkten.